Andi Luf - Rezensionen & Medienkritik

Derby of Love

(von Robert Sommer)

Dem Sportklubplatz zwischen der Alszeile und der Hernalser Hauptstraße, am Fuße des Dornbacher Friedhofs und der Weinberge des 17. Bezirks, ist ein literarisches Denkmal gesetzt worden. Es handelt sich um das literarische Debüt des Wieners Andi Luf. «Sixpack» heißt sein Roman, und er enthält vor allem eine glaubwürdig realistische Darstellung und Würdigung der «Friedhofstribüne», des liebenswürdigsten Fanclubs von Wien. Zwar gibt es zur Zeit attraktiveren Fußball als jener, der vom Wiener Sportklub – derzeit in der dritten Liga von oben, in der Regionalliga Ost – geboten wird, doch für ZeitgenossInnen, denen die von autoritären Machos dirigierten sozialen Skulpturen der Fußball-Ultras der großen Profivereine auf die Nerven gehen, ist ein Besuch der Friedhofstribüne bei Heimspielen des WSK längst kein Geheimtipp mehr.

Andi Luf zur finanziellen Lage des Sportklubs:

nach zwei konkursen, einer deswegen notwendigen vereinsneugründung, blieb vor allem eines übrig: notorischer geldmangel. am von der gemeinde gepachteten stadion konnte also immer nur das notwendigste repariert werden, was trotzdem nicht verhindern konnte, dass das ganze ensemble langsam zusammenzufallen drohte. bis auf weiteres keine aussicht auf besserung.

Über Franz (fiktiver Name), die Seele und der Motor der Friedhofstribüne:

seine große stärke waren nicht die vielen worte, sondern mehr die taten. Sein kulturelles und soziales engagement, wenn es zum beispiel um das organisieren von obdachlosenturnieren, ute bock-cup und ähnlichen veranstaltungen ging, war nicht nur wegen des geldes, das möglicherweise in der klubkassa hängen blieb. es war ein anliegen vieler, solchen initiativen in unserem stadion platz zu geben. ein großer glücksfall, dass die vereinsleitung ähnlich dachte.

Über die Unterschiede zur Fankultur bei Rapid und Austria:

dass unser klub den aufstieg eine klasse höher regelmäßig verpasste, war mir aus mehreren gründen ganz recht. in der regionalliga konnte es auch ganz gemütlich sein. auf den tribünen waren nicht dieselben sicherheitsvorkehrungen notwendig wie in der höheren bundesliga, auch die fans waren nicht so fanatisch, von ultras weit und breit nichts zu sehen. da werdet ihr eine andere fußballwelt kennenlernen als bei austria oder rapid. (die friedhofstribüne) war bei den frauen überhaupt eine beliebte tribüne, weil bei uns gepflegte fußballstimmung hochgehalten wurde. wir hatten keinen vorsänger, der mit megaphon der tribüne einbläute, was denn jetzt gesungen werden soll, meistens ein öder dauergesang. der reinhard nannte die ultras-chöre verächtlich: die schallallalisten.

Über die ungerechte Bevorzugung der «Fußballhochkultur»:
(unseren sanierungsplan) wollten wir natürlich dem herrn bürgermeister zeigen, der sich bis dahin nur gegenüber den beiden großen wiener fußballvereinen rapid und austria als besonders großzügig erwiesen hatte. einen teil von dem kuchen wollten wir auch haben, noch dazu, wo unser stadion das älteste bespielte fußballstadion im ganzen land war und schon seit jahrzehnten nicht mehr generalsaniert wurde. vieles konnte gar nicht mehr repariert werden, weil es eben nichts nützt, die wasserschäden in den gängen zu sanieren, wenn es an der decke über die tribüne bei jedem regen wieder reinkommt.

Über die Freundschaft mit der einzig ähnlich gelagerten Fangruppe in Wien, den Vienna-Supporters:

fehlen mir schon, die gemeinsamen derbies. Bis zu 6000 zuschauer sind da zu unseren regionalligaspielen gekommen. derby of love, wie es genannnt wurde. weil wir in beiden vereinen nichts von der neandertalerkultur hielten, die zum beispiel beim anderen wiener derby, rapid gegen austria, oft zu diversen schlägereien und gewalttätigen auseinandersetzungen führte. diese besonderheit unserer fangruppierungen machte das derby of love aus.


Andi Luf konnte, als er seinen Roman fertig stellte, noch nicht wissen, dass die Vienna in die Regionalliga Ost absteigen sollte. Bis auf weiteres ist das «Derby of Love» also wieder angesagt, InteressentInnen ist zu empfehlen, auf den Websites der beiden Vereine die Termine dieser Begegnungen abzurufen. Ein Nachfragen beim Vereinsvorstand und beim Fanclub bestätigt, dass Lufs literarische Fiktion einen dokumentarischen Charakter hat. Die im Roman angesprochene einseitige Förderpolitik des Rathauses ist traurige Realität und entspricht der ungeheuren Privilegierung von Institutionen der «Hochkultur» im Vergleich zu den Subventionen etwa der freien Theaterszene. Den Neubau des Rapid-Stadions will die Stadt Wien, wie geschrieben wurde, mit 20 Millionen Euro unterstützen; die beiden schönsten Stadien Wiens, der Sportklubplatz in Hernals und die Hohe Warte in Heiligenstadt, lässt die Stadtregierung verfallen – oder sie bietet «Rettung» in Form von teilweise Privatisierungen des Stadiongeländes an, das kommunales Eigentum ist. Die Magistratsabteilung für Sportangelegenheiten verhandelte in den letzten Jahren mit einer Immobiliengesellschaft, die zum SP- und Stadt-Wien-nahen Netzwerk zählt: Die Arwag will eine Wohnanlage über die Friedhofstribüne bauen. Ja, es gibt sogar einen Plan, über sämtliche Tribünen des Sportklubplatzes mehrstöckige Eigentumswohnungskomplexe aufzutürmen, um durch den Verkauf dieser Fläche das Geld für die Stadionsanierung einzunehmen. Vor allem diesem Plan gegenüber ist Martin Rossbacher, der Obmann des Vereins «FreundInnen der Friedhofstribüne», sehr skeptisch: «Wir haben die Idee von Wohnungen am Platz generell infrage gestellt, weil das zwingend Konflikte zwischen Anrainern und Stadionpublikum mit sich bringen würde. Die WohnungsbesitzerInnen würden natürlich durchsetzen wollen, dass außer den Meisterschafts-Heimspielen keine zusätzlichen Veranstaltungen auf dem Rasen stattfinden, denn ihr Interesse ist optimaler Ruhezustand. Wir müssten dann um jeden Termin kämpfen, etwa wenn wir – wie es im Roman erwähnt wird – Obdachlosen-Fußballturniere oder den traditionellen Ute Bock-Cup organisieren wollen.» Rossbacher träumt von einem «kooperativen Planungsverfahren», in das die Fans und der Sportklub eingebunden werden müssten.

Die Sanierung des Sportklubplatzes soll mehrere Millionen kosten. Der Sportklub kann das klarerweise selbst nicht finanzieren. Warum die Stadt überhaupt so viel Geld in einen
Regionalligisten investieren sollte?  Er könne diese Frage nicht nachvollziehen. Eine Verschwendung? Die Stadt habe in der Vergangenheit bei Sportstätten sehr viel Geld für wenig bis gar nicht nachhaltige Projekte ausgegeben, meint Rossbacher. The Winner takes it all – das gilt auch auf diesem Gebiet. Stadionprojekte von Bundesliga-Vereinen werden mit zweistelligen Millionenbeträgen subventioniert, während weniger prominente Vereine für den Erhalt ihrer Spielstätten Teile der Stadionflächen an Immobilienhaie verkaufen oder auf langfristige Pachtrechte verzichten müssen. Martin Rossbacher ist ein politischer denkender Mensch. Andernfalls wäre er von den FreundInnen der Friedhofsbühne  nicht als Obmann akzeptiert worden. Als politischer Mensch reiht er die drohenden Entwicklungen am Sportklubplatz in die Liste der neoliberalen Sünden der Stadt ein: «Scheinbar wird alles, was der Öffentlichkeit oder der Kommune gehört und was sich in einer hochwertigen Lage befindet, an Private verscherbelt.» Im Herbst leuchten die Weinberge rot in Richtung Friedhofstribüne herunter. Warum sollte nicht auch einmal ein Fußballfanclub das Recht auf eine Premiumlage haben.

Robert Sommer

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