Fischsitter und Sesselsammler - Kurzgeschichte
  

Balduin Weinkrampf hatte einen seltsamen Beruf und ein noch viel seltsameres Hobby, eine Passion, die ihn in arge Bedrängnis bringen konnte, eine Liebhaberei, die ihn zu Taten verleitete, die er sonst nie und nimmer gewagt hätte. Balduin war nicht besonders mutig, eher unauffällig und feige zu bezeichnen. Einer, der nie in der ersten Reihe stand, dort wo es gefährlich werden konnte. Bei Demos hielt er sich meistens in den hinteren Reihen auf, wenn Freiwillige gesucht wurden, war er der letzte, der seine Hand hob, wenn seine Freunde übermütig in Hochschaubahnen stiegen, blieb er lieber am sicheren Boden, die Stockwerke eines Hochhauses legte er lieber zu Fuß im Stiegenhaus zurück als in einem Lift, von dem befürchtete er, eingeschlossen zu werden oder gar, noch schlimmer, aufgrund eines Defekts auf den Boden des Liftschachts geschleudert und zertrümmert zu werden. Unbekannte Frauen wagte er nie anzusprechen, bei Vorstellungsterminen bekam er meistens Schweißausbrüche, Menschenaufläufen ging er grundsätzlich aus dem Weg, weil er befürchtete eingequetscht und bei einer Massenpanik zertrampelt zu werden. Überhaupt litt er an arger Platzangst, sodass er bei jeder Besichtigung eines Bergwerks lieber an der frischen Luft blieb, als in den engen Stollen zu steigen. Keiner der jemals freiwillig an einem Seil baumelnd von einer Brücke gesprungen oder sich sonst wie unnötig in Gefahr begeben hätte. Meistens kaschierte er die ansehnliche Anzahl von Phobien geschickt, die ihm das Leben mit auf den Weg gegeben hatte. Sein freches Mundwerk ließ manchen glauben, er wäre der mutige Anführer einer wilden Bande von Halbstarken, in Wirklichkeit arbeitete er als Fischsitter in dem Unternehmen seines Schwagers, der die Fischsitterei in Wien bekannt gemacht hatte. Bis dahin hätte niemand geglaubt, dass man mit Fischsitten seinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Bei einem Amerikaaufenthalt hatte sein Schwager einen New Yorker kennengelernt, der als Fischsitter viel Geld verdiente, anscheinend brauchen die Fische in New York besondere Pflege. In Wien wäre niemand auf die Idee gekommen, für sein Aquarium einen Fischsitter zu engagieren, sollte einmal eine längere Abwesenheit von den lieben Hausfischen bevorstehen. Irgendeine Nachbarin fand sich immer, die ein paarmal in der Woche nach den Fischen schaute, Futter in das Becken warf und damit war die Fischsitterei auch schon wieder erledigt. Dass es damit Geld zu verdienen gab, für diese Erkenntnis musste erst nach New York gefahren werden.

 

Beim Fischsitten kommt man anscheinend auf blöde Ideen, anders ist die seltsame Freizeitbeschäftigung nicht zu erklären, die ihn seit der Zeit seines Fischsitterjobs in regelmässige Schwierigkeiten brachte. Am 24. Dezember des Jahres 2004 betrat er sein Stammcafe in der Nähe des Naschmarkts, um seiner bösen Obsession nachzugehen. Er hockte sich an den Tisch, an dem er meistens saß, von dem aus er den besten Überblick auf das ganze Lokal hatte, auf die kommenden und gehenden Gäste, von hier aus konnte er sogar in die im hinteren Teil des Lokals angrenzende Küche sehen, wie der Koch machmal seinen Kopf herausstreckte, um Speisen in den Schankraum herauszureichen. Erweitert wurde sein Überblick außerdem von einem riesigen Spiegel, der noch zusätzlich die für das Auge toten Winkel des Lokals ins Bild rücken konnte. Stundenlang saß er bei seinem Kaffee und einem Glas Wasser, beobachtete jede Bewegung im Lokal mit größter Aufmerksamkeit. Der Wirt war schon ein paarmal an seinen Tisch gekommen, um zu fragen, ob er nicht noch einen Wunsch hätte. Balduin hatte nur einen Wunsch, den seiner merkwürdigen Obsession. Einen Wunsch, den er besser niemandem erzählte. Einen Wunsch, den er hütete wie einen Schatz oder besser wie eine schlechte Eigenschaft, die man niemandem an die Nase bindet und lieber geheim hält. Auf dem Nebentisch saß eine junge Frau, die an diesem Weihnachtsabend anscheinend auch nichts anderes vorhatte, sowie er selbst. Er hatte keine Kinder, keine Frau, keine Freunde, Balduin lebte ein sehr zurückgezogenes einsames Leben, nur seine Schwester und ihr Mann waren sein Ein- und Ausgang in die Welt, die er am liebsten gar nicht betreten hätte, jedenfalls nicht außerhalb seiner Wohnung, die er sonst nur für die notwendigsten Besorgungen und eben zum Fischsitten verließ. Weihnachten war ihm völlig egal, im Gegenteil konnte er das jährliche Getue und den Wahnsinn, den die Menschheit rund um dieses Fest aufführte, nicht ausstehen. Obwohl er diesem Weihnachten sorgsam aus dem Weg ging, konnte er nie ganz verhindern, von diesem kollektiven Irrsinn doch eingeholt zu werden, sei es, dass er den zu dieser Zeit besonders hektischen Menschen ständig im Weg stand oder von diesen über den Haufen gelaufen wurde, sei es, dass ihn die immer gleichen Weihnachtslieder auf Schritt und Tritt verfolgten oder ihm völlig unbekannte Menschen ein gesegnetes Fest oder schöne Feiertage wünschten. Welchen Segen die meinten oder was schöne Feiertage sind, konnte ihm keiner sagen. Feiertage waren für ihn ohnehin nur diejenigen Tage, an denen er seiner Obsession nachgehen konnte. Die mussten nicht extra angekündigt werden, richteten sich nicht nach dem katholischen Kirchenkalender sondern nach den Dienstzeiten in der Fischsitterei. An diesem 24. Dezember erlebte er den besonderen Zufall, dass ein katholischer Feiertag mit einem von Balduins Feiertagen zusammenfiel.

 ... hier gehts weiter