Fischsitter und Sesselsammler - Kurzgeschichte

Die Frau am Nebentisch blätterte gelangweilt in den Illustrierten, die der Wirt in großer Zahl in seinem Lokal aufgelegt hatte. Sehnsüchtig schaute Balduin in unbeobachteten Augenblicken in Richtung ihres Tisches, um einen Ausblick zu wagen, einen Ausblick, den er nur zu gerne um vieles erweitert hätte, wenn er nicht so ein schüchternes Wesen gehabt hätte. Einfach hingehen, die Frau ansprechen, sich an ihren Tisch setzen, sowie es viele andere getan hätten, das wollte er zwar gerne, aber brachte es nie zustande, auch an diesem Abend nicht. Also blieben ihm nur die scheuen Blicke aus den Augenwinkeln. Kurze Momente des Vergnügens. Die Frau war attraktiv, eine richtige Schönheit, solche anzusprechen fiel ihm noch viel schwerer als eine durchschnittliche, vielleicht hätte er bei einer hässlichen tatsächlich den Mut gefunden, ein paar Worte an sie zu richten, aber in diesem Fall war er völlig überfordert. Der Frau am Nebentisch waren seine neugierigen Blicke in ihre Richtung längst aufgefallen und sie rutschte unangenehm berührt auf ihrem Sessel hin und her, überlegte, ob sie gleich zahlen und das Lokal besser verlassen sollte. Solche Typen an Nebentischen waren nie ein großes Vergnügen für Frauen, die einmal lieber allein unterwegs waren. Balduin, dem wiederum die Unruhe seiner Nachbarin aufgefallen war, beobachtete begeistert, wie sie auf ihrem Sessel hin- und herrückte, er stellt sich vor, wie ihre nackten Schenkel an dem Sessel reiben würden, wie an ihm selbst. Am liebsten wäre er an der Stelle des Sessels gewesen, hätte den Geruch ihres Hinterteils aufgesogen wie Nektar, hätte ihren süßen Arsch liebkost wie einen reifen Pfirsich. Während er in seinen Gedanken zum zärtlichsten Sessel der Welt wurde, bezahlte die junge Frau ihre Rechnung beim Kellner, stand ungeduldig vom Tisch auf, schlüpfte in ihren Mantel und verließ eilig das Lokal. Jetzt war der Zeitpunkt für seine Obsession gekommen. Der Moment der finsteren, unbekannten Macht, die ihn dazu trieb Dinge zu tun, die er sonst nie tat. Noch nie hatte er Probleme mit der Polizei gehabt. Nie war er in Schlägereien verwickelt gewesen, ließ sich von den üblichen Ladendiebstählen seiner Schulfreunde nie zu ähnlichen Mutproben verleiten, war eigentlich ein grundehrlicher Mensch, der sich gehorsam an alle Gesetze hielt, nicht einmal die Steuer wurde hinterzogen, die wurde brav einbezahlt in voller Höhe, keine Betrügerei der Welt wäre ihm in den Sinn gekommen. Aber jetzt ging es mit ihm durch. Das Es ging mit ihm durch. Eine merkwürdige Besessenheit, eine gefährliche Kraft, die ihn aufstachelte sofort selbst den Kellner zu rufen, um das Lokal so schnell wie möglich zu verlassen. Dabei behielt er immer das Lokal im Auge. Überwachte geschickt, ob ihn jemand beim Verlassen des Lokals beachtete. Er wollte von nun an von niemandem gesehen werden. Niemand sollte Zeuge seiner obsessiven Tat werden. Niemand sollte ihn dabei ertappen oder hinterher erkennen können. Komisch, diese Besessenheit bewirkte eine eigenartige Ruhe in ihm, eine Ruhe, die er sonst nie finden konnte. Ständig regten ihn Kleinigkeiten auf, er war eher ein Nerverl als ein cooler Hund. Aber in diesem Moment war er der coole Hund, der durch dicke Wände gehen konnte als wären die gar nicht da. Er bewegte sich wie von einer fremden Macht gesteuert. Wie ein lautloser Roboter seiner Leidenschaften. Schlich sich am Tisch vorbei, an dem die Frau gesessen war, griff nach dem Sessel, auf dem ihr Hintern gerade noch so unruhig hin- und her gerutscht war, und verließ mit sicheren aber eiligen Schritten das Lokal mit dem Sessel in der Hand, ohne von jemandem dabei beobachtet zu werden. Er hatte es wieder geschafft. Draußen auf der Straße überkam ihn wieder die übliche Unsicherheit und er begann ein Stück mit dem Sessel davonzulaufen, schnell in eine Seitengasse hinein. Aus der Sicht aus dem Sinn, stimmte bei ihm nie, denn erst jetzt begann er wirklich nervös zu werden. Die mögliche Tragweite seines Diebstahls wurde ihm bewusst, aber er freute sich so diebisch über den gelungenen Streich, dass er es geschafft hatte ausgerechnet den Sessel zu entwenden, auf dem die junge Frau gesessen war. Das war sein Ziel. Das war seine Obsession. Wenn er mit Frauen schon nicht reden konnte, wollte er wenigstens die Sessel mit nach Hause nehmen, auf denen die gesessen waren. Als Ersatz für seine unerfüllten Sehnsüchte, als Ersatz für seinen vergeblichen Wunsch, selber dieser Sessel einer Frau sein zu können. Auf der Straße waren noch viele Menschen mit ihren Pakten unterwegs zu den Weihnachtsfeiern, da fiel er nicht besonders auf mit seinem Sessel. Weihnachten war eigentlich der ideale Zeitpunkt, um Sessel zu stehlen. Weil ohnehin jeder mit etwas anderem bepackt in der Gegend rumrennt und auch sonst nur an sich selbst denkt, nicht an einen Balduin, der mit einem gestohlenen Sessel durch die Stadt schleicht. Seit diesem Abend hatte Balduin an jedem der kommenden 24ten Dezember einen Sessel aus einem Lokal gestohlen. Eine richtig schöne Sammlung von Sesseln ist es inzwischen geworden. Er gab ihnen Namen, die Namen von Frauen, die mit ihren Hinterteilen auf ihnen gesessen waren.  

Niemandem hatte er je davon erzählt. Und wenn ihn jemand fragte, was er denn mit den ganzen Sesseln machen wolle, sagte er einfach, er wäre Fischsitter und Sesselsammler. Damit gaben sich die meisten zufrieden.