Mein Fußball - Kurzgeschichte

Von Gersthof nach Hernals ist es ein Katzensprung, bis zum Sportclubplatz, möglicherweise eine Weltreise. Die begann im Wien der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, im katholischen Beamtenbezirk Gersthof, an der Vorortelinie, die neugierige Nase am eilig geschlossenen Fenster platt gedrückt, während die hellgrauen Dampfschwaden wie vom Himmel gefallene Wolken aus den heranschnaufenden Loks die ganze Straße in rauchigen Nebel hüllten. Kohlengeruch bis ins Kinderzimmer.

 

Jalawa ist aus mir keiner geworden. Fußballer auch nicht. Lokführer nur bei der Kleinbahn. Fußballer nur im Türkenschanzpark, das Leo meiner merkwürdigen Kindheit. Lebensmittelpunkt, Asyl vor dem strengen Elternhaus, in dem Fußball ganz übel beleumdet war. Proletensport. Da könnte der Erfolg versprechende Sohn auf die schiefe Bahn geraten. Der wurde lieber in den Augarten geschickt, zum Leichtathletiktraining.

 

Schnell war er ja, der Sohn. Wollte immer gut davonlaufen können, schneller sein als die anderen, als erster im Ziel, das brachte Anerkennung. Immer sind ein paar andere schneller, so wie beim Wiener Schülermeisterschaftsfinale im Staffellauf. Ging sich nur ein zweiter Platz aus. Aber was kümmert einen ein zweiter Platz, Hauptsache das Staffelholz vor lauter Nervenflattern in diesem vollen Stadion nicht verloren, immerhin 35tausend waren ins Praterstadion gekommen, natürlich nicht, um ein paar 14jährigen beim Rennen auf der Laufbahn zuschauen zu können, nein, es war Stadtderby Rapid gegen Austria und wir die Pausenclowns.

 

Während wir „ums Leben liefen“ waren alle an den Kantinen um Würstel und Bier angestellt, wäre also gar nicht notwendig gewesen, so großen Respekt vor dem Publikum zu haben und deswegen so nervös zu sein, schenkte uns wahrscheinlich eh kaum wer Aufmerksamkeit. Wir auf der Laufbahn ihnen schon, so eine große Menschenansammlung hatte ich bis dahin noch nie gesehen, nur in Büchern, nicht als lebendige Kulisse. Dann doch immerhin dieser zweite Platz. Rapid gewann dieses Spiel dank der vier Tore vom Hans Krankl dementsprechend hoch.

 

Mein bester Schulfreund in dieser Zeit, der Eckhard Schranz, lief in der Staffel noch schneller als ich, aber was viel wichtiger war, spielte bei einem Fußballverein, bei der Elektra im Tor. Völlige Fehlbesetzung, weil er ein begnadeter Kicker war. Um vieles talentierter als ich. Gut, im Tor machte er auch keine schlechte Figur, sowie er so gut wie bei allem keine schlechte Figur machte, auch beim Lehrerverarschen war er eine Klasse für sich. Mein Banknachbar. Zusammen waren wir die Klassenclowns.

Auf den Fußballplatz gehen, legal nicht möglich, weil meine Eltern das nicht erlaubt hätten. Dann halt illegal. Mit dem Schranz auf den Rapidplatz, weil der ein Rapidfan war. Auf die Pfarrwiese. Mein erstes Fußballspiel. Sagenhaftes Gefühl. Alle rauchten. Wir Kinder standen unter dem Spielfeld, eine Besonderheit dieser Pfarrwiese. Schauten den Spielern auf die Ärsche. Wünschten den Schiri zum Telefon, weil seine Alte warten würde und er schon wieder Mist gepfiffen hatte. Dort spielte also dieser Krankl, so ähnlich wie ich selbst, technisch kaum begabt, aber sehr schnell und kopfballstark. Mein erster Fußballheld. Knallte ein Tor nach dem anderen in den Kasten. Ok, in dieser Beziehung war er viel begabter als ich. Obwohl, wer weiß, vielleicht hätte ich das auch gelernt, wenn man mich gelassen hätte, spielen auf einem richtigen Fußballplatz.

 

Der Käfig im Türkenschanzpark war zwar der größte in ganz Wien, aber eben kein Fußballplatz, auf dem ich meine Stärken hätte ausspielen können, schneller rennen als die anderen, technisch weniger begabt, eigentlich gar kein typischer Käfigkicker, aber umso fanatischer. Dort in diesem Käfig waren die Schwarzweißen die Kings. Die vom Sportclub. Ein paar kamen mit ihren Dressen in den Park. Ein sicheres Zeichen, dass so einer tatsächlich ein Leiberl beim Sportclubnachwuchs hatte. Fanshops gab es damals keine, in denen man heutzutage recht einfach zum Manchester-United-Spieler mutieren kann oder zum gerade aktuelleren Barcelonaspieler. A Leiberl haben, hatte damals eine andere Bedeutung. So eines wollte ich auch unbedingt haben, wenigstens vom näher gelegenen Post SV, aber in meinen Träumen natürlich vom Sportclub.

 

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