Mein Fußball - Kurzgeschichte

Auch der war bei meinen Eltern illegal, weil ein Fußballverein. Von den anderen Sportarten dieses Vereins wusste ich nichts, interessierten mich auch nicht. Zum Radlfahren brauchte ich keinen Verein. Aber um auf einem richtigen Fußballplatz zu spielen, da gab es nur eine Möglichkeit, für mich leider keine. So ist aus mir kein Fußballer geworden. Lokführer werden wollen, stand bei mir ohnehin schon lange nicht mehr am Programm. Dann schon lieber Dichter von zahlreichen Liebesgedichten, mit denen ich meine große Liebe in Hernals, die Andrea, überschüttete, weil die mein Leben derart aus der Bahn geworfen hatte, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte, als wann ich wieder in die Linie 9 steigen würde, um zu ihr in diese Lobenhauerngasse zu kommen. Von der Lieblingsnummer 9 am Fußballplatz, dem Krankl, zur Lieblingslinie Nr. 9 nach Hernals, so könnte man meine Entwicklung am besten beschreiben. Statt Rapid und der Pfarrwiese waren Schafbergbad, Bikiniober- und -unterteile, Pink Floyd, John Lennon und die Rolling Stones angesagt. Meine Karriere als Fußballfan bekam einen argen Knacks, erstens wegen der neuen viel spannenderen Interessen, zweitens weil diese Rapid in eine schiaches Betonvogelhäusel übersiedelt war und ich mir dachte, wenn schon Betonschüssel, dann schau ich mir lieber die Wiener Austria im Prater an.

 

Eigentlich bin ich nicht nur wegen des Stadions zur Austria emigriert, ausschlaggebend waren eigentlich die ständigen Judenschweine-Chöre der Rapidfans, die mich veranlassten diesem Verein den Rücken zu kehren. Die Austria erlebte damals ihre besten Zeiten, erster österr. Klub in einem Europacupfinale, Prohaska, Sara, Gasselich, Obermayer, etc. meine neuen Fußballhelden. Aber Fan von einem Verein war ich damals eigentlich keiner mehr. Eher ein sympathisierender Beobachter, der trotz Rolling Stones, Bikiniober- und -unterteilen die Liebe zu diesem Sport nie ganz verloren hatte. Trotzdem wurden meine Besuche auf den Plätzen immer seltener, bis sie in den 80ern ganz aufhörten. Ich beschränkte mich auf die Übertragungen im TV, während sich auf den Plätzen die Fußballwelt immer mehr in eine Richtung veränderte, die mir gar nicht behagte.

 

Für mich war die gegnerische Mannschaft nie der Kulminationspunkt meines Hasses, im Gegenteil, fand es immer interessant mit den Fans von anderen Vereinen zu reden. Diese vor allem durch die Ultrasbewegung ins Spiel gekommene Verächtlichmachung der jeweiligen gegnerischen Mannschaft war mir immer zuwider. Bei der Austria war das im Grund nicht anders als bei Rapid und so wurde ich ein heimatloser Fußballfan. Es folgten fast zehn Jahre ohne meine Anwesenheit auf einem Fußballplatz. Eine lange Zeit, die ich hauptsächlich mit Kinderkriegen und Berufskarriere verbrachte. Irgendwann wollte ich aber doch wieder auf einen Platz und suchte mir, weil mir das ganze Idiotentheater der Bundesligavereine auf die Nerven ging, meine neuen Felder in den unteren Ligen. So landete ich auf der Hohen Warte, besuchte Spiele der Wiener Liga und eines Tages schleppte mich ein Bekannter auf den Sportclubplatz, muss so Ende der 90er gewesen sein. Da war ich also, nach einer gut 20jährigen Odyssee, bei meinem Sportclub gelandet. Leiberl hatte ich immer noch keines.

 

Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich zu Hause. Hier werde ich meine Fußballzelte aufschlagen, beschloss ich damals. Fans, die auch der gegnerischen Mannschaft Applaus spenden, die vom Verhöhnen des Gegners genauso wenig hielten wie ich selbst, waren genau nach meinem Geschmack und Verständnis dieses Sports. Fairplay nicht nur eine hohle Phrase, sondern angewandte Praxis. Ich wollte damals für die Wienzeile einen Bericht über diese Fans schreiben. Meine erste Auswärtsfahrt mit anderen Fußballfans. Unmöglich, wenn ich mir vorstelle, ich hätte das mit Rapid- oder Austriafans getan. Undenkbar. Nicht freiwillig. Es wurde die unglaublichste Reise in einem Autobus, die ich bis dahin erlebte. Es war der Beginn meiner neuen Leidenschaft, daraus ist eine Freundschaft entstanden, die ich nie mehr vermissen möchte. Die Freundeundinnen der Friedhofstribüne.

So ist dann auch dieses SIXPACK-Buch entstanden.