SIXPACK - Romanauszug
 
dem erwin hatte der frische wirbelwind, der in unser abgeschiedenes heim gefegt war, auch ganz gut getan, vor allem die lammkottelets, von denen er noch am nächsten tag schwärmte, und er feststellte: „man merkt schon, dass die andrea eine wirtstochter ist. das fleisch hätten wir vielleicht auch so hinbekommen, aber die salatdressings und saucen, die topfencreme waren schon zum zungenschnalzen!“ musste ihm klar machen, dass die topfencreme und auch eine sauce aus eigener werkstatt stammten. „aha, wusste ich gar nicht, dass du so gut kochen kannst!“ „und die schwammerln?“, wagte ich einen einwand. wir hatten erst einmal gemeinsam gekocht. kochen gehörte zu dem teil der gemeinsam entwickelten lebenseinstellung, der auf vermeidung spezialisiert war. ich hatte damals frische eierschwammerln aus dem burgenland nach wien mitgebracht. sofort kam der erwin gelaufen, strahlte über das ganze gesicht, „wahnsinn, schwammerln! machen wir uns eine schwammerlsauce!“ wer schon einmal mit anderen gekocht hat, wird wissen, dass es da die unterschiedlichsten typen gibt. einmal diejenigen, die so überzeugt von ihren kochkünsten sind, dass sie keine anderen variationen eines gerichts dulden, als die von ihnen praktizierte und gelernte methode. alle versuche, solche menschen von den eigenen besonderheiten der zubereitung zu überzeugen, werden da kläglich scheitern, weil sich die dann trotzig nichts dreinreden lassen. „das gehört so! da lass ich mir nichts dreinreden! finger weg! lass das, ich mach das so!“, sind die gängigsten sprüche, die einem dann an den kopf geworfen werden und das zusammen kochen zur tortur machen, weil man dabei über die hilfsdienstrolle des erdäpfel- und zwiebelschneiders kaum hinauskommt. zweiter typ der gemeinsamen kocherei ist der völlig ahnungslose, der eigentlich nur ständig daneben und meistens im weg rumsteht, dem man dauernd sagen muss, was denn zu tun sei, vor allem zeigen wie. höchst anstrengend dieser typ, da ist man mit allein kochen besser dran. dritter typ, der ideale kochpartner, kennt sich auch gut aus, ist an neuen varianten interessiert, kann wahlweise zwischen assistentenrolle und chefkoch hin und herwechseln, einen den man sich zum gemeinsamen kochen einer schwammerlsauce wünschen würde. erwin war eindeutig typ nummer eins. und im zusammenhang mit schwammerln radikaler typ nummer eins, weil seine mutter angeblich so eine gute schwammerlsauce machen konnte. seine mutter hätte die immer anders gemacht als ich. keine ahnung, wie seine mutter schwammerlsaucen gemacht, und ob der erwin da wirklich gut zugesehen hatte, wahrscheinlich war er damals mehr aufs essen konzentriert, weniger an der entstehung beteiligt. trotzdem war er völlig überzeugt von seinem konzept. nichts kann unangenehmer sein, wenn so ein typ nummer eins zwar überzeugt von seiner sache ist, die aber eindeutig blödsinn ist. im fall von schwammerln war der erwin trotz seiner mutter eher typ nummer zwei, also ahnungslos. nach heftigsten streiterein, bei denen die guten schwammerln schon fast im mist gelandet wären, konnte ich die guten stücke aus dem burgenland doch noch retten, indem ich einfach von meiner üblichen typ nummer drei rolle in die des tauben typs nummer eins gewechselt bin. konnte gerade noch verhindern, dass die schönen eierschwammerln stundenlang im wasser schwimmen, bis sie totaler matsch werden. statt dessen wurden sie beim anbraten mit zwiebel nur kurz angeschwitzt und nicht völlig verkocht, wie das der erwin im sinne hatte. war eine schwere geburt. aber am ende musste der erwin meine schwammerlkompetenz doch anerkennen! „oh ja die schwammerln, die waren auch gut“, musste er jetzt noch einmal zugeben. aber auch sein siechtum bekam einen gemässigteren grad, schliesslich war schon fast wieder eine woche vergangen, die schmerzen natürlich noch lange nicht überstanden, aber vor allem der stützverband brachte grosse erleichterungen, sodass er immer öfter auch ausserhalb des bettes zu sehen war. „am freitag könnts mich schon zum auswärtsmatch mitnehmen!“, so sein optimistischer scherz. „ja im rollstuhl. kannst dann das spiel in bester lage beobachten.“ die rollstuhlplätze in einem stadion waren meist oft direkt am spielfeld oder nicht weit von den trainerbänken entfernt. der gekrümmte mitbewohner erinnerte mich wieder daran, dass ich zum stadion fahren musste, den wagen holen. „erwin, ich geh mal los, den wagen holen, nehm den wolf mit. vielleicht lass ich ihn einmal übers spielfeld jagen.“ erwins widerstände, seinen hund anderen menschen anzuvertrauen, hatten sich längst in luft aufgelöst. sogar eine wildfremde andrea durfte ihn ja schon zum einkaufen mitnehmen. „bin echt froh, dass du hier wohnst, wüsste nicht, was ich sonst tun sollte mit dem hund.“ solche euphorischen gefühlsausbrüche über mein mitwohnen in seinen lagerräumen konnte ich bis jetzt von ihm noch nie hören. wenigstens eine angenehme folge seiner rippenbeschwerden.